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Interview mit Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Interview mit Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB, geführt von Patrick Bernau und Dennis Kremer am 8. Juli und veröffentlicht am 10. Juli 2021

8. Juli 2021

Frau Schnabel, die EZB hat sich ein neues, höheres Inflationsziel von zwei Prozent gegeben. Müssen die Menschen jetzt Angst vor höherer Inflation haben?

Nein. Zum einen ist der Anstieg des Inflationsziels minimal. Zum anderen hat ein Ziel von zwei Prozent eine wichtige Funktion: es schafft zusätzliche Spielräume, damit unsere Geldpolitik ihre stabilisierende Wirkung entfalten kann. In schlechten Zeiten, wie in der Pandemie, stimuliert sie die Wirtschaft mit niedrigen Zinsen und hat dadurch erhebliche positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und den Arbeitsmarkt. Allerdings sind heute die Zinsen bereits so niedrig, dass sie kaum noch gesenkt werden können. Das liegt nicht in erster Linie an der EZB. Der Wunsch nach Ersparnis ist beispielsweise aufgrund der demografischen Entwicklung sehr groß, die Nachfrage nach Investitionen hingegen eher gering. Deswegen fallen die Zinsen weltweit seit vielen Jahren. Das neue Inflationsziel sichert unseren Handlungsspielraum und nutzt den Menschen.

Wenn die Inflation zu hoch steigt, ist es auch nicht gut.

Das stimmt. Das Zwei-Prozent-Ziel schützt die Menschen auch weiterhin vor spürbaren Kaufkraftverlusten.

Was machen Sie, wenn die Inflation über dieses Ziel hinausschießt?

Unser Ziel ist symmetrisch: Es kann also sein, dass die Inflationsrate manchmal etwas darüber oder darunter liegt. Durch kurzfristige Abweichungen schauen wir hindurch. Anhaltende Abweichungen nach oben und unten halten wir für gleichermaßen schädlich. Befinden wir uns allerdings in der Nähe der Nullzinsgrenze, ist es nötig, besonders stark oder nachhaltig gegenzusteuern, um die Preisstabilität zu sichern. Das kann bedeuten, dass die Inflation das Ziel von zwei Prozent vorübergehend leicht überschreitet. Dafür gab es im EZB-Rat einstimmige Unterstützung.

Das heißt: Auch Bundesbank-Chef Weidmann hat zugestimmt.

Einstimmig heißt einstimmig.

In Deutschland wird demnächst eine Inflationsrate von vier Prozent erreicht. Kann es sein, dass die EZB schon die Kontrolle über die Inflation verloren hat?

Nein, diese Entwicklung ist vorübergehend. In Deutschland gibt es derzeit aufgrund der Pandemie eine relativ hohe Inflation. Das werden wir ab Juli – ein Jahr nach der Mehrwertsteuersenkung – sehen, wenn die Preise relativ zum Vorjahr besonders stark steigen, was allerdings an der damaligen Preissenkung liegt. Die Erholung des Ölpreises hat einen ähnlichen Effekt. Die Bundesbank prognostiziert für das Jahresende eine Inflation von etwas über vier Prozent für Deutschland, aber schon im Folgejahr einen deutlichen Rückgang. Aufgrund solcher kurzfristiger Schwankungen orientiert sich die Geldpolitik an der mittelfristigen Preisentwicklung, und zwar im gesamten Euroraum. Unsere mittelfristige Inflationsprognose ist verhalten: nur 1,4 Prozent im Jahr 2023. Das ist zwar mit Unsicherheit behaftet. Aber ich bin mir sicher, dass wir keine übermäßig hohe Inflation erleben werden.

Was macht Sie da so sicher?

Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Situation. Erst wurde die Wirtschaft dichtgemacht, dann wurde sie unerwartet schnell wieder geöffnet. Die Nachfrage ist daraufhin sehr stark angestiegen, das Angebot konnte aber nicht Schritt halten. Denken Sie an die Probleme mit den Lieferketten.

Und wenn das doch so weitergeht?

Wir werden das genau beobachten. Ob sich der Preisanstieg verstetigt, hängt wesentlich davon ab, ob auch die Löhne steigen und die Teuerung über Zweitrundeneffekte verstärken. Bislang sehen wir davon wenig – auch in Deutschland.

Ab welchem Wert wird die EZB eingreifen?

In den vergangenen Jahren war die Inflation zu niedrig. Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Pandemie: all diese Krisen haben die Nachfrage geschwächt und die Inflation gedämpft. Darum ist es wichtig, die Inflationserwartungen der Menschen fest in der Nähe unseres Ziels von 2 Prozent zu verankern. Eine moderat höhere Inflation ist Ausdruck besserer wirtschaftlicher Aussichten. Dies müssen wir durch unsere Geldpolitik so lange unterstützen, bis wir unser mittelfristiges Inflationsziel erreichen.

Was passiert mit hoch verschuldeten Ländern wie Italien, wenn die Inflation hoch bleibt und Sie die Zinsen erhöhen? Wird es für die dann schwierig?

Damit werden die Staaten zurechtkommen. Viele Euro-Mitgliedsländer haben auf die sehr niedrigen Zinsen reagiert, indem sie die Laufzeiten ihrer Staatsanleihen spürbar ausgeweitet haben. Eine Zinserhöhung hat ja keine unmittelbaren Auswirkungen auf die gesamte Staatsschuld, sondern immer nur auf den Teil, der refinanziert werden muss.

Dann müssen sich die Staaten also keine Sorgen machen?

Jeder Mitgliedstaat muss sich darüber im Klaren sein, dass die Zinsen nicht immer niedrig bleiben werden. Das bedeutet vor allem eines: Die Staaten müssen das viele Geld, das in der Pandemie aus guten Gründen geflossen ist, durch gezielte Maßnahmen so einsetzen, dass sie auf einen nachhaltigen Wachstumspfad kommen. Das ist der beste Weg, mit den infolge der Pandemie gestiegenen Staatsschulden umzugehen.

Im größten Notfall würde die EZB keine Staatspleite riskieren.

Von einer solchen Situation sind wir glücklicherweise weit entfernt. In der Pandemie, der größten Krise der Nachkriegszeit, gab es nicht einen Moment, in dem die Schuldentragfähigkeit eines Mitgliedstaates ernsthaft infrage gestellt worden wäre.

Das höhere Inflationsziel gibt Ihnen Spielraum, noch länger Staatsanleihen zu kaufen.

Über die konkreten Auswirkungen der neuen Strategie auf unsere derzeitige Geldpolitik haben wir noch nicht entschieden. Klar ist, dass wir unser mittelfristiges Inflationsziel nachhaltig erreichen müssen. Anleihekäufe zählen dabei zu unserem normalen Instrumentarium.

Sie bezeichnen Anleihekäufe inzwischen als normal? Im Studium haben wir anderes gelernt.

Das ist ebenfalls ein Ergebnis der Strategieüberprüfung. Unser primäres Instrument ist die Zinspolitik, aber in der Nähe der Nullzinsgrenze sind Instrumente wie Anleihekäufe wirksam und unverzichtbar.

Die Krisenfestigkeit der Finanzmärkte stellen Sie in Ihrer neuen Strategie nicht ins Zentrum.

Die Finanzstabilität spielt in unserer neuen Strategie tatsächlich eine sehr wichtige Rolle. Sie kommt ins Spiel, wenn wir die Nutzen und Kosten unterschiedlicher Maßnahmen abwägen. Außerdem haben wir unser analytisches Rahmenwerk verändert: Wir haben nach wie vor zwei Analysestränge, die aber jetzt enger verwoben sind. Dabei wurde der zweite Strang – die frühere monetäre Säule – um finanzielle Aspekte erweitert und konzentriert sich auf die monetäre Transmission und die Finanzstabilität. Bei wenigen Zentralbanken findet das Thema eine solche Beachtung.

Auch der Klimaschutz spielt eine wichtige Rolle in Ihrer neuen Strategie. Warum mischt sich eine Zentralbank in eine Frage ein, die nicht geldpolitisch ist?

Klimaschutz ist in erster Linie Aufgabe der Regierungen. Aber der Klimawandel ist das größte Risiko, dem sich die Volkswirtschaften in den nächsten Jahrzehnten gegenübersehen, und er hat massive Auswirkungen auf die Preisstabilität und damit auf die Geldpolitik. Klimarisiken im Finanzsystem können beispielsweise die Übertragung der Geldpolitik auf die Realwirtschaft beeinträchtigen. Daher müssen wir uns im Rahmen unseres Preisstabilitätsmandats damit beschäftigen. Bislang berücksichtigen etwa unsere Modelle Klimarisiken nur unzureichend. Das wollen und müssen wir ändern.

Wird es auch darum gehen, ob Unternehmen mehr oder weniger klimafreundlich arbeiten?

Das spielt eine Rolle, sowohl in der Bankenregulierung als auch in der Geldpolitik. Wir planen beispielsweise, dass wir Anleihen von Unternehmen nur dann als Sicherheiten akzeptieren, wenn sie klimabezogene Risiken offenlegen. Außerdem sind die privaten Anleihen, die die EZB kauft, im Schnitt vergleichsweise emissionsintensiv. Denn wir kaufen die Anleihen in dem Ausmaß, in dem sie am Markt verfügbar sind – und dort dominieren emissionsintensive Unternehmen. Aber ist der Markt überhaupt der richtige Maßstab, wenn er die Auswirkungen auf die Umwelt nicht umfassend berücksichtigt? Mit dieser Frage werden wir uns intensiv beschäftigen.

Da steckt der Teufel im Detail. Wie einig sind Sie sich heute schon?

Wir haben einstimmig einen ehrgeizigen Aktionsplan verabschiedet. Die einzelnen Projekte müssen im Detail diskutiert werden. Aber das grundsätzliche Ziel und die angestrebten Maßnahmen werden von allen geteilt.

Und wenn andere Leute kommen und sagen: Wir machen auch tolle Dinge für die Gesellschaft, wir wollen jetzt auch erleichterte Finanzierungsbedingungen?

Unser vorrangiges Ziel ist die Preisstabilität. Beim Klimawandel ist das Risiko einer schweren Krise mit weitreichenden Folgen für die Preisstabilität besonders groß, und er ist zumindest teilweise unumkehrbar. Daher ist es nicht akzeptabel, dass emissionsintensive Unternehmensaktivitäten durch unsere Politik begünstigt werden.

Wenn emissionsarme Betriebe mehr Anleihen begeben, würden Sie jetzt schon mehr davon kaufen.

Genau um diesen Übergang geht es. Wenn die Klimamaßnahmen voranschreiten, verschwinden auch die Verzerrungen in den Märkten.

Müssen so etwas nicht demokratisch gewählte Politiker entscheiden statt der EZB?

Die Politik hat das bereits entschieden. Aber wir wissen, dass der Übergang langwierig ist. Er erfordert enorme private und öffentliche Investitionen. Dabei spielt der Finanzmarkt eine entscheidende Rolle. Dort kann die Zentralbank eine Vorbildfunktion übernehmen und so die Politik unterstützen.

Vor 20 Jahren hätte die EZB so konkrete Fragen der Wirtschaftspolitik noch nicht diskutiert.

Das Thema des Klimawandels wurde vermutlich auch vor fünf Jahren kaum diskutiert.

Warum hat sich das geändert?

In der gesamten Gesellschaft hat sich vieles verändert. Das kann die EZB nicht ignorieren. Uns ist wichtig, was die Menschen bewegt – zum Beispiel die Hauspreise, die nun besser in die Inflationsmessung integriert werden sollen. Wir haben im Rahmen unserer Strategieüberprüfung mit den Bürgerinnen und Bürgern gesprochen und werden es weiterhin tun. Das stärkt das Vertrauen der Menschen in die Zentralbank. Und Vertrauen ist ein hohes Gut in der Geldpolitik.

Über Ihre geldpolitischen Beratungen wollen Sie „in Klartext“ berichten. Schaffen Sie das wirklich?

Nicht jeder wird unsere Erläuterungen der geldpolitischen Entscheidungen im Detail verfolgen. Es geht eher darum, dass wir die Kommunikation auf unterschiedliche Zielgruppen zuschneiden.

Die EZB rückt weiter in die Gesellschaft hinein.

Das stimmt, und es könnte das Ziel der Preisstabilität unterstützen. Der Euro genießt in Umfragen ein großes Vertrauen, während das Vertrauen in die EZB nach der Finanzkrise gesunken ist. Das hat sich in jüngerer Zeit zwar gedreht, aber wir müssen mehr tun. Für das Vertrauen ist wichtig, dass die Menschen verstehen, was wir tun.

Trifft da Christine Lagarde mit ihrem legendären Charme auf die Technokratie des Notenbank-Systems?

In der EZB hat Christine Lagarde viel bewegt. Das Thema Klimawandel hat sie auf die Tagesordnung gesetzt. Aber die EZB ist bei weitem nicht die einzige Zentralbank, die sich damit beschäftigt.

Vor drei Wochen hat der EZB-Rat im Taunus getagt, jetzt kommt die neue Strategie schneller als erwartet. Ist das ein Hinweis darauf, dass vielleicht doch nicht alles nur im Homeoffice geht?

Ja. Die Videokonferenzen waren zwar selbst in ernsten Krisensituationen erstaunlich erfolgreich. Aber eine Konsensfindung funktioniert viel besser, wenn man auch mal einen informellen Austausch in der Pause hat.

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