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Interview mit Süddeutsche Zeitung

Interview mit Philip R. Lane, Mitglied des Direktoriums der EZB, geführt von Markus Zydra am 26. Januar und veröffentlicht am 1. Februar 2021 in gekürzter Version in der Süddeutschen Zeitung

31 Januar 2021

Herr Lane, die EZB strebt mehr Volksnähe an. Da wäre der „Abwurf von Helikoptergeld“ doch eine gute Strategie. Warum überweist die EZB ihre Hilfen lieber an die Banken als direkt an die Bürger? Ist das Thema tabu?

Natürlich verfolgen auch wir die akademische und die allgemeinere Debatte. Bei der EZB sollten wir uns aber auf die geldpolitischen Maßnahmen konzentrieren, die wir gerade verfolgen, und auf die Optionen, die auf dem Tisch liegen, und nicht auf Randthemen der Geldtheorie.

Ist die Idee vom Helikoptergeld für immer vom Tisch?

Hypothetische Debatten bringen nicht besonders viel. Aber lassen Sie mich auf das eigentliche Thema zurückkommen. Wir erwarten, dass Wirtschaftswachstum und Inflationsrate im Euroraum noch in diesem Jahr auf das Niveau zurückkommen, das vor Ausbruch der Pandemie vorherrschte. Vor der Pandemie schwankte die Inflation im Bereich von 1 Prozent, aber mit einer Dynamik, durch die sich die Inflationsrate mit der Zeit der Marke von 2 Prozent annähern würde, war das keine Krisensituation. Wenn man eine einigermaßen stabile und moderate Wirtschaftsentwicklung hat, dann sollte auch die Geldpolitik stabil und moderat sein.

Die EZB betont immer wieder, sie sei bereit, im Ernstfall die Geldschleusen noch mehr zu öffnen. Welche Optionen haben Sie denn noch? Aktien von Unternehmen oder Anleihen von Banken zu kaufen oder etwas in dieser Art?

Bei der EZB und im Eurosystem gibt es viele hervorragende Ökonomen. Deshalb wird auf irgendeiner Ebene alles in Erwägung gezogen. Aber diese Maßnahmen sind nicht Teil unseres aktuellen Instrumentariums. Aktiv eingesetzt wird eine Kombination von Instrumenten: Leitzinsen, Anleihekäufe, gezielte Refinanzierungsgeschäfte und unsere Forward Guidance. Bei dieser geht es nicht nur darum, unsere aktuelle Geldpolitik zu erklären, sondern auch darum, wie wir in Zukunft in bestimmten Situationen reagieren würden.

Die EZB arbeitet an einer neuen Strategie. Ein Thema ist die Kommunikation. Die Öffentlichkeit erwartet, dass Sie ihre Entscheidungen besser erklären. Zu Recht?

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Die Rolle der Zentralbanken hat sich in den letzten 15 Jahren gegenüber dem, was vielleicht ihre traditionelle Funktion sein mag, sehr stark verändert. Wir sind zum Beispiel sehr aktiv in der quantitativen Lockerung und bei der gezielten Kreditvergabe an Banken. Das alles muss erklärt werden. Auch die Art und Weise, wie die Menschen Informationen aufnehmen, ist heute ganz anders. Sie nutzen die sozialen Medien, und Bilder spielen eine größere Rolle, um nur ein paar Veränderungen zu nennen. Bei unseren Veranstaltungen „Die EZB hört zu“ zum Beispiel haben wir Tausende Rückmeldungen bekommen.. Natürlich müssen wir den Menschen unsere Entscheidungen besser erklären, und zwar so einfach wie möglich.

Dann versuchen wir das doch einmal: Viele Deutsche halten wenig von der Nullzinspolitik der EZB. Überzeugen Sie die Kritiker mit einfachen Worten.

Die niedrigen Zinsen sind eine globale Entwicklung. Wir erleben einen großen strukturellen Wandel in der Weltwirtschaft. Die Menschen wollen mehr sparen, die weltweite Investitionsnachfrage ist gering. Die Rolle der Zentralbanken ist da nur zweitrangig. Ist es denn da hilfreich die Zinsen anzuheben? Wohl kaum, denn es würde die Lage verschlimmern, zu mehr Arbeitslosigkeit und geringerem Wachstum führen.

Geldpolitik noch einfacher zu erklären geht nicht?

Ich kenne Comic-ähnliche Präsentationen, die das versuchen. Wir versuchen, so gut wir können, uns einfach auszudrücken, aber wir müssen immer aufpassen, dass die Vereinfachung nicht irreführend ist. Am allerwichtigsten ist das Vertrauen in die EZB. Als Autofahrer muss ich nicht ganz genau wissen, wie der Motor funktioniert. Ich muss dem Händler und dem Mechaniker vertrauen, dass sie gute Arbeit machen. So ist es auch in der Geldpolitik. Nicht jeder Bürger muss ein Finanzexperte sein.

Die EZB hat in den letzten Jahren einiges an Vertrauen verloren. Das ist schlecht für eine Notenbank, die sich als Dienstleister für die Bürger versteht.

Das stimmt. Die Umfragen zeigen, dass die Menschen mehr Vertrauen in den Euro haben als in die EZB, was ein klares Signal ist: Wir müssen unsere Aufgabe und unsere Maßnahmen besser erklären. Vielleicht wächst dann wieder das Vertrauen in uns.

Einige sagen, Zentralbanken seien Klempner. Würden Sie sich als Klempner bezeichnen?

Hier spielen zwei Aspekte eine Rolle. Der erste: Wenn wir über Wirtschaft und Zinsen sprechen, gibt es einen ganzen Maschinenraum hinter der Zentralbank, mit dessen Hilfe das Finanzsystem verbunden wird. Insofern sind Notenbanker auch gewissermaßen Klempner. Der zweite Aspekt: Keynes hat Ökonomen mit Zahnärzten verglichen, die ja auch in gewisser Hinsicht Klempner sind. Die Menschen gehen zum Zahnarzt oder rufen einen Klempner an, wenn sie ihn brauchen. So ist es vielleicht auch mit Notenbankern.

War es ihr Jugendtraum, Notenbanker zu werden?

Ich bin in den 1980er Jahren in Irland aufgewachsen, als die Wirtschaft nicht in Gang kam und die Arbeitslosigkeit hoch war. In der globalen Finanzkrise verschlimmerte sich alles noch, als Irland stark von dem Boom-and-Bust-Zyklus betroffen war. Mir war klar, dass Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle spielt, um so etwas zu vermeiden. Also habe ich nicht nur Wirtschaftswissenschaft studiert, weil ich die Welt verstehen wollte, sondern um dort, wo es mir möglich ist, vielleicht meinen Teil dazu beitragen zu können, dass die Wirtschaftspolitik, und in meinem besonderen Fall die Geldpolitik, die Gesellschaft und die Wirtschaft unterstützt. Dass ich aus der Wissenschaft zur irischen Zentralbank und jetzt zur EZB gewechselt bin, war von daher sehr naheliegend.

Die EZB ist im Euroraum zum Retter in der Not geworden. Glauben Sie auch, dass die Regierungen im Euroraum ihre Schuldenlast ohne die EZB nicht stemmen könnten?

Weitaus wichtiger waren im letzten Jahr eigentlich die gemeinsamen Maßnahmen der Regierungen in Europa, insbesondere das Aufbauinstrument Next Generation EU. Am wichtigsten war, dass Europa zusammengestanden hat. Die Zentralbanken übernehmen allerdings eine wichtige stützende Funktion. Der Grund für die niedrigen Zinsen und unsere Anleihekäufe ist der geringe Inflationsdruck, wie es auch in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich der Fall ist. Wir brauchen eine sehr stimulierende Geldpolitik. Denn ohne sie werden wir die Preise nicht stabil halten und einen Aufschwung nicht unterstützen können.

Inzwischen ist die Notenbank der größte Gläubiger der Euro-Staaten. Gibt es eine Obergrenze?

Man darf hier nicht vergessen, dass der Ankauf von Staatsanleihen ein globales Phänomen ist. Auch die Federal Reserve, die Bank of England, die Bank of Japan und andere Zentralbanken stocken ihre Bestände auf. Wir halten inzwischen 30 % der ausstehenden Staatschulden des Euroraums. Und wir haben Schutzvorkehrungen. Was wir tun ist von unserem Auftrag motiviert, Preisstabilität zu sichern. Und unsere Kaufprogramme sind nur erforderlich, wenn die Inflation zu niedrig und die Leitzinsen schon sehr niedrig sind.

In Umfragen der EU-Kommission zeigt sich regelmäßig, dass die Menschen die Inflationsrate als deutlich höher empfinden als sie offiziell gemessen wird. Untergräbt diese gefühlte Inflation die Glaubwürdigkeit der EZB, die ja ihre Geldpolitik an die Inflationsrate knüpft?

In der Bevölkerung gibt es zwangsläufig unterschiedliche Wahrnehmungen von Preisveränderungen. Wir schauen darauf, ob unsere geldpolitischen Entscheidungen so wirken, dass sich die Inflationsrate, so wie sie in der Bevölkerung empfunden wird, in die richtige Richtung bewegt. Dass die Menschen in Europa die Inflationsrate unterschiedlich wahrnehmen, lässt darauf schließen, dass die Preise bei uns im Großen und Ganzen stabil sind. In Ländern mit wirklich hoher Inflation weiß jeder ganz genau, wie stark die Preise gestiegen sind.

Manche Ökonomen fordern, die EZB könne den Staaten die Schulden irgendwann erlassen. Ihre Antwort?

Die simple Antwort lautet: Nein, wir dürfen das nicht. Die Verträge erlauben keinen Erlass der Staatsschulden. Aber abgesehen von den rechtlichen Aspekten wäre das Streichen der Schulden auch generell keine gute Idee und diese Diskussion ist nicht zielführend. Wir sehen, dass es den Regierungen gelingt, viele Anleihen zu begeben, und dies zu niedrigen Zinssätzen und auf nachhaltige Weise.

Die EZB und die europäischen Politiker gehen Hand in Hand durch die Corona-Krise. Sie sprechen sich ab, sie koordinieren ihre Hilfen. Ist das nicht eine gefährliche Nähe?

Wir haben alle ein Problem zu lösen. Ich muss mit keinem Finanzminister reden, um herauszufinden, dass wir eine lockere Geldpolitik brauchen. Umgekehrt weiß jeder Politiker selbst, dass die Staaten mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Es ist deshalb doch völlig klar, dass Geldpolitik und Fiskalpolitik in dieser Situation dieselbe Richtung einschlagen. Aber meiner Meinung nach macht es allen das Leben leichter, wenn die Euro-Gruppe und die EZB gut miteinander kommunizieren. So verstehen die Finanzminister unserer Maßnahmen und wir wissen, was die Finanzminister vorhaben. Aber das hat keinen Einfluss auf unsere Unabhängigkeit. Die EZB ist die unabhängigste Zentralbank. Und es gibt viele Beispiele dafür, dass die EZB ihre geldpolitischen Maßnahmen gestrafft hat, selbst wenn dies für die Regierungen vielleicht gerade ungünstig war.

Die EZB möchte eine „grüne” Geldpolitik entwickeln. Umweltschutz ist Sache der Politik, nicht der Notenbank.

Alle Wirtschaftssektoren müssen dafür sorgen, dass ihre Arbeitsweise ökologisch und mit dem Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft vereinbar ist. Das gilt auch für die Zentralbank. Aber die Rolle der Zentralbank im Finanzsystem bedeutet, dass wir hier eine führende Rolle einnehmen und ein Katalysator sein können.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zur EZB-Chefin Christine Lagarde?

Wir haben ein sehr gutes und enges Verhältnis. Sie ist eine äußerst beeindruckende Führungspersönlichkeit der EZB. Sie hat jahrzehntelange Führungserfahrung beim IWF, hat eine globale Anwaltskanzlei geleitet und hat natürlich auch Erfahrung aus ihrer Zeit in der französischen Regierung. Führungsqualität zeigt sich auch daran, dass die Führungsebene gut zusammenarbeitet, und bei der EZB gibt es einen starken Teamgeist.

Für eine Weile hatten Sie beide Schwierigkeiten bei der Kommunikation ihrer Entscheidungen. Lagarde hat die Entscheidungen auf der Pressekonferenz präsentiert und einen Tag später schrieben Sie Ihren eigenen Blog. Können Sie die technischen Details besser erklären als Lagarde?

Es war nicht meine Absicht, diesen Eindruck zu erwecken, und so ist es auch nicht. Unsere Geldpolitik ist Teamarbeit, ich arbeite als Chefvolkswirt eng mit der Präsidentin zusammen und stimme mich mit ihr ab. Ziel war es, die Kommunikation unserer geldpolitischen Entscheidungen über viele Kanäle zu stärken und zu fördern. Vielleicht war das zu viel des Guten. Ich habe meinen Blog am Tag nach der Pressekonferenz im Herbst eingestellt. Denn wenn dadurch der Anschein erweckt wurde, dass wir uns nicht einig seien, dann ist das natürlich ein Problem.

Die Amtssprache der EZB ist Englisch, Sie sind im Direktorium der Notenbank der einzige Muttersprachler. Wie ist das so?

Das Englisch der Mitarbeiter bei der EZB ist sehr gut. Mein Leben ist dadurch vielleicht einfacher, weil es meine Hauptsprache ist. Das vorausgeschickt, mein irischer Akzent fügt der Vielfalt des bei der EZB gesprochenen Englisch vielleicht eine Facette hinzu.